Motivation ist kein Charakterzug
Motivation gilt als feste Eigenschaft, die jemand mitbringt oder eben nicht. Was Mitarbeitermotivation tatsächlich antreibt und wo Coaching ansetzen müsste, …
WeiterlesenEs ist eine der besten Geschichten der Entscheidungsforschung: Israelische Richter bewilligen morgens rund 65 Prozent der Bewährungsanträge, kurz vor der Pause praktisch keinen mehr. Doch je genauer man hinschaut, desto weniger bleibt von dieser Geschichte übrig – und ausgerechnet das ist für Führungskräfte relevanter als der Mythos selbst.

Das Wichtigste auf einen Blick
Es ist eine der besten Geschichten, die die Entscheidungsforschung zu bieten hat – und sie geht so:
An einem israelischen Gericht entscheidet ein Ausschuss über vorzeitige Haftentlassungen. Morgens, direkt nach der ersten Sitzungspause, werden rund 65 Prozent der Anträge bewilligt. Dann sinkt die Quote. Und sinkt. Kurz vor der nächsten Pause liegt sie bei praktisch null. Der Ausschuss geht essen, kommt zurück – und die Quote springt wieder auf 65 Prozent.
Ob ein Mensch das Gefängnis verlässt oder nicht, hängt also davon ab, ob der Richter gerade ein Sandwich gegessen hat.
Die Studie erschien 2011 in den Proceedings of the National Academy of Sciences, ausgewertet wurden 1.112 Entscheidungen israelischer Bewährungsausschüsse, was etwa 40 Prozent aller Bewährungsanträge des Landes abdeckt. Der Befund wurde tausendfach zitiert, in Bestsellern verarbeitet, auf Führungskräfte-Slides gepackt und ist seither das Standardargument für alles von „Termine morgens legen“ bis „Steve Jobs trug immer denselben Pullover“.
Die Sache hat nur einen Haken. Je genauer man hinschaut, desto weniger bleibt übrig. Und ausgerechnet das, was übrig bleibt, ist für Führungskräfte relevanter als die Geschichte selbst.
Fast jeder Text über Decision Fatigue beginnt mit derselben Behauptung: Ein Erwachsener treffe etwa 35.000 Entscheidungen pro Tag.
Diese Zahl hat keine Quelle. Wer sie zurückverfolgt, landet in einer Zitationskette, die sich nach zwei, drei Schritten in Luft auflöst: Nachrichtenseiten zitieren einen Beitrag in einem Populärpsychologie-Magazin, dieser zitiert einen Blogbeitrag einer amerikanischen Hochschule – und der beruft sich auf „verschiedene Internetquellen“.
Der einzige halbwegs greifbare Anker in dieser Kette ist eine Studie von 2007, wonach Menschen 226,7 Entscheidungen täglich allein über Essen treffen. Auch diese Zahl hat 2025 eine gründliche Prüfung bekommen – vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Teilnehmenden schätzten zunächst durchschnittlich 14,4 Entscheidungen pro Tag. Erst als man die Frage in Teilfragen zerlegte – wann, was, wie viel, wo, mit wem – und diese Einzelschätzungen mit der Anzahl der Mahlzeiten multiplizierte und aufsummierte, kam man auf 226,7. Die Differenz von 212,3 wurde damals als Beleg dafür gedeutet, dass die meisten Essensentscheidungen unbewusst ablaufen.
Die Berliner Forschenden identifizieren darin einen bekannten kognitiven Effekt: Zerlegt man eine Frage in Unterkategorien, fallen die Summen der Einzelschätzungen systematisch höher aus als die Gesamtschätzung. Die 212 „unbewussten“ Entscheidungen sind kein Befund über Menschen. Sie sind ein Artefakt der Fragetechnik.
Merken Sie sich diesen Mechanismus. Er kommt gleich wieder.
Bereits ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung erschien im selben Journal eine Erwiderung. Zwei Justizforscher hatten sich die Daten angesehen, zusätzliche Verhandlungstage ausgewertet und – entscheidend – mit Beteiligten gesprochen: mit Anwälten, mit einer Richterin des Ausschusses, mit Personal von Gerichtsverwaltung und Justizvollzug.
Ihr Befund: Die Reihenfolge der Fälle ist nicht zufällig. Der wichtigste Faktor: Der Ausschuss versucht, alle Fälle einer Justizvollzugsanstalt vor einer Pause abzuschließen und nach der Pause mit einer anderen Anstalt zu beginnen. Hinzu kommt: Innerhalb jeder Sitzung kommen Gefangene ohne anwaltliche Vertretung üblicherweise zuletzt dran – und ihre Anträge werden seltener bewilligt als die von anwaltlich vertretenen Gefangenen.
Der Abwärtstrend wäre damit kein Ermüdungseffekt, sondern schlicht eine Sortierung.
2016 legte der deutsche Entscheidungsforscher Andreas Glöckner nach – mit einem Argument, das noch eleganter ist. In den Originaldaten steht ein unscheinbares Detail: Bewilligungen dauern im Schnitt 7,37 Minuten, Ablehnungen nur 5,21 Minuten.
Wenn Bewilligungen länger dauern und ein Ausschuss vor der Pause keinen Fall mehr anfängt, von dem er ahnt, dass er zu lange dauert – dann rutschen die langen Fälle systematisch in die nächste Sitzung. Und weil lange Fälle überproportional Bewilligungen sind, fallen sie gegen Sitzungsende aus der Stichprobe heraus.
Glöckner simulierte genau das: einen perfekt rationalen Richter, der keinerlei Ermüdung kennt, keine Vorurteile hat und lediglich versucht, seine Sitzungszeit sinnvoll zu planen. Die Simulation erzeugte eine Kurve von vergleichbarer Form und ähnlicher Größenordnung wie die Originaldaten. Ein zusätzliches methodisches Detail verschärfte den Effekt noch: Die Originalstudie entfernte die letzten fünf Prozent der Fälle jeder Sitzung aus der Auswertung – was den Abwärtstrend künstlich verstärkt.
Sein Fazit zur Größenordnung ist der eigentliche Tiefschlag. Ein Absturz von 65 auf 5 Prozent entspricht einem Odds Ratio von 35 oder einer standardisierten Effektstärke von d = 1,96 – mehr als doppelt so viel, wie in der Psychologie als „großer Effekt“ gilt. Dem gegenüber steht die Effektstärke des Mechanismus, der das erklären soll: Die publikationsbias-korrigierte Metaanalyse der mentalen Erschöpfung liegt bei d = –0,10 bis 0,25.
Übersetzt: Man erklärt einen Elefanten mit einer Maus.
Der theoretische Unterbau der Decision Fatigue heißt Ego Depletion – die Vorstellung, Selbstkontrolle funktioniere wie ein Muskel, der ermüdet. Ein Konzept mit enormer Strahlkraft: Es hat ganze Regale an Ratgeberliteratur getragen.
Es hat die Replikationskrise nur nicht überlebt.
Eine multizentrische, vorab registrierte Replikation mit 23 Laboren und rund 2.100 Teilnehmenden fand einen Effekt von d = 0,04 – statistisch nicht von null unterscheidbar.
Der zweite Versuch war noch gründlicher – und stammt ausgerechnet von Kathleen Vohs, einer der zentralen Figuren der ursprünglichen Forschung. 36 Labore, 3.531 Teilnehmende, vorab registriert. Ergebnis: kein signifikanter Effekt (d = 0,06). Die Bayes-Analyse zeigte, dass die Daten viermal wahrscheinlicher unter der Nullhypothese waren als unter der Annahme eines Effekts.
Wer also erklärt, warum Führungskräfte nachmittags schlechter entscheiden, sollte nicht mit „mentaler Muskel ist erschöpft“ argumentieren. Diese Erklärung steht auf keinem tragfähigen Fundament mehr.
Hier wird es interessant. Denn parallel zum Zusammenbruch der Theorie häuften sich Befunde aus der Praxis – aus riesigen, realen Datensätzen, in denen der Tagesverlauf tatsächlich mit den Entscheidungen wandert.
Antibiotika. Ein Team von Harvard und der Brigham and Women's Hospital wertete Praxisdaten aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ärztinnen und Ärzte bei Atemwegsinfekten Antibiotika verschreiben, stieg im Verlauf der Sprechstunde – konsistent mit der Annahme, dass die Fähigkeit nachlässt, unangemessenen Verordnungen zu widerstehen. Der Clou: Die Sprechstunden liefen in zwei Blöcken, 8–12 Uhr und 13–17 Uhr. Der Anstieg zeigte sich in beiden Blöcken – nicht linear über den Tag.
Krebsvorsorge. Eine Auswertung von 33 Hausarztpraxen über drei Jahre: Brustkrebs-Screenings wurden für Patientinnen mit 8-Uhr-Termin in 64 Prozent der Fälle angeordnet, bei 17-Uhr-Terminen nur noch in 48 Prozent. Bei Darmkrebs sank die Quote von 37 auf 23 Prozent. Noch deutlicher wird es bei der tatsächlichen Durchführung: Von den Patientinnen mit Termin zwischen 8 und 9 Uhr absolvierten 33 Prozent die Mammografie innerhalb eines Jahres – bei Terminen ab 17 Uhr waren es 18 Prozent.
Und ein Detail, das man leicht überliest: Um 11 Uhr fiel die Anordnungsquote auf 48,7 Prozent, stieg gegen 12 Uhr wieder auf 56,2 Prozent und sank danach erneut. Ein Sägezahn, kein gleichmäßiger Abstieg.
Grippeimpfung. 11 Praxen, über 96.000 Patientinnen und Patienten: Die Impfquote fiel von 44 Prozent bei 8-Uhr-Terminen auf 32 Prozent bei 16-Uhr-Terminen.
Pflegekräfte am Telefon. Vielleicht die sauberste Untersuchung der Reihe, weil sie nicht mit der Tageszeit arbeitet, sondern mit dem Abstand zur letzten Pause. Ausgewertet wurden rund 4.000 Anrufe bei 150 Pflegekräften der schottischen Gesundheitshotline. Mit jedem weiteren Anruf seit der letzten Pause stieg die Wahrscheinlichkeit einer konservativen Entscheidung – also der Weiterleitung an eine andere Fachkraft am selben Tag – um 5,5 Prozent. Pro Arbeitsstunde waren es 20,5 Prozent, und im Schnitt 49 Prozent von direkt nach einer Pause bis direkt vor die nächste.
Vier voneinander unabhängige Datensätze, dasselbe Muster. Der Fall schien geklärt.
Im Februar 2025 erschien in Communications Psychology die bislang strengste Prüfung des Konzepts – und sie fand nichts.
Ein schwedisch-internationales Team untersuchte die nationale medizinische Telefonberatung Schwedens. 231.076 Anrufe, 174 spezialisierte Pflegekräfte. Entscheidend ist das Design: Es war ein Registered Report – Hypothesen, Ausschlusskriterien und Auswertungsschritte wurden festgelegt und begutachtet, bevor die Forschenden Zugriff auf die Daten hatten.
Der methodische Kniff ist bestechend. Am frühen Nachmittag überlappen sich Früh- und Spätschicht: Die Frühschicht hatte im Schnitt 6,5 Stunden gearbeitet und 25,6 Anrufe bearbeitet, die Spätschicht 0,6 Stunden und 4,2 Anrufe. Beide bekamen aus demselben Pool pseudozufällig Anrufe zugeteilt. Gleiche Patienten, gleiche Uhrzeit, völlig unterschiedlicher Erschöpfungsgrad. Ein Quasi-Experiment.
Wenn Decision Fatigue existiert, muss sie hier sichtbar werden.
Sie war es nicht. Alle vier Haupttests stützten die Nullhypothese, mit Bayes-Faktoren über 22 – die beobachteten Daten waren also jeweils mehr als 22-mal wahrscheinlicher unter der Annahme, dass es keinen Effekt gibt. Auch der Vergleich unmittelbar vor und nach Pausen zeigte nichts. Beim Rückgriff auf persönliche Standardentscheidungen ging der geschätzte Effekt sogar in die entgegengesetzte Richtung.
Und jetzt kommt der Satz, auf den es ankommt.
Dieselbe Studie fand in ihrer rein deskriptiven Auswertung sehr wohl ein Tageszeit-Muster: Der Anteil der höchsten Dringlichkeitsstufe lag morgens gegen 8 Uhr bei 14,8 Prozent und stieg abends auf 19,3 und nachts auf 21,1 Prozent. Die Autoren schreiben dazu, es wäre leicht gewesen und in gutem Glauben möglich, dieses Muster als Beleg für Decision Fatigue zu präsentieren – die Interpretation wäre vermutlich falsch gewesen, weil der Zusammenhang durch andere tageszeitabhängige Faktoren verzerrt ist, etwa die Zusammensetzung der Anrufe oder die Öffnungszeiten der Praxen.
Das ist derselbe Mechanismus wie bei den Richtern und bei den 226,7 Essensentscheidungen. Ein Muster in den Daten ist noch keine Ursache. Und je besser die Geschichte klingt, die es erklärt, desto weniger genau schaut man hin.
Man könnte jetzt achselzuckend abwinken: alles nicht bewiesen, weitermachen wie bisher. Das wäre der falsche Schluss. Aus der Gesamtlage lassen sich drei Dinge ableiten, die belastbarer sind als der Mythos, den sie ersetzen.
Ob Mammografien nachmittags seltener angeordnet werden, weil jemand mental erschöpft ist oder weil die Praxis um 16 Uhr eine halbe Stunde hinter dem Zeitplan liegt: Für die Patientin ist das Ergebnis identisch. Die Autoren der Krebsvorsorge-Studie nennen beide Möglichkeiten ausdrücklich nebeneinander.
Für Führung heißt das: Die Frage „Sind meine Leute nachmittags erschöpft?“ ist die falsche. Die richtige lautet: Sehen unsere Entscheidungen um 16 Uhr systematisch anders aus als um 9 Uhr – und wenn ja, woran liegt es bei uns? Das ist keine Frage der Psychologie, sondern eine Frage an die eigenen Daten. Bewerbungsgespräche, Beurteilungen, Freigaben, Einstufungen: Wer die Uhrzeit mitprotokolliert, kann das nachrechnen, statt es zu glauben.
Das ist die praktisch wertvollste Erkenntnis der gesamten Literatur – und sie kommt aus derselben Grippeimpfungs-Studie, die den Tagesverlauf-Abfall zeigte.
Drei Praxen bauten eine simple Änderung in ihr System ein: Beim Check-in wurden Mitarbeitende aufgefordert, den Impfstatus aktiv abzufragen und eine vorbereitete Anordnung anzulegen, die die Ärztin nur noch bestätigen oder ablehnen musste. Die Impfquote stieg gegenüber den Kontrollpraxen um 9,5 Prozentpunkte. Und der Zuwachs war über alle Tageszeiten hinweg ähnlich groß.
Dieses Detail ist der Kern. Die Intervention hat niemandem Willenskraft zurückgegeben. Sie hat die Entscheidung an eine Stelle verschoben, an der keine Willenskraft mehr nötig war. Wer sein Führungsproblem als Charakterfrage stellt, bekommt Trainings. Wer es als Prozessfrage stellt, bekommt Ergebnisse.
Übertragen auf Personalarbeit: Wenn Feedbackgespräche im Dezember an Qualität verlieren, hilft kein Appell an die Disziplin der Führungskräfte. Es hilft ein Prozess, in dem der aufwendige Weg der voreingestellte ist und der bequeme aktiv gewählt werden muss.
Der deutsche Rechtswissenschaftler Konstantin Chatziathanasiou hat 2022 im German Law Journal nachgezeichnet, wie die Richter-Studie zum Argument dafür wurde, juristische Entscheidungen künftig Maschinen zu überlassen – Menschen seien schließlich nachweislich von ihrem Blutzucker gesteuert. Sein Titel ist eine Warnung: Hüten Sie sich vor der Verlockung von Narrativen.
Genau das ist auch die Falle in der Personalentwicklung. Eine gute Anekdote schlägt eine mittelmäßige Metaanalyse in jedem Meeting – eingängige Modelle setzen sich schneller durch als belastbare. Für Kompetenzmodelle heißt das: Ein Modell, das auf einer einzelnen griffigen Studie steht, trägt nur so lange, wie niemand nachliest. Ein Modell, das auf einer breiten, überprüfbaren Datenbasis steht, trägt auch danach.
Decision Fatigue ist keine widerlegte Idee. Sie ist etwas Unangenehmeres: eine plausible Idee, deren berühmtester Beleg wackelt, deren theoretisches Fundament weggebrochen ist, für die es echte Praxisbefunde gibt – und die im bislang saubersten Test schlicht nicht auffindbar war.
Die ehrliche Zusammenfassung lautet also nicht „Legen Sie wichtige Termine auf den Vormittag“. Sie lautet:
Entscheidungen verändern sich im Tagesverlauf. Warum, ist ungeklärt. Reparieren lässt es sich nicht durch mehr Disziplin, sondern durch bessere Abläufe. Und wer messen kann, statt zu vermuten, braucht die Debatte gar nicht erst zu führen.
Der Richter mit dem Sandwich bleibt trotzdem eine großartige Geschichte. Man sollte nur keine Personalstrategie darauf bauen.
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Alle Quellen zuletzt geprüft am 10.08.2026.
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