Die 14-Uhr-Entscheidung
Die berühmteste Studie zur Entscheidungsmüdigkeit hält der Prüfung nicht stand. Was bleibt, ist für Führung relevanter als der Mythos.
Weiterlesen„Der ist einfach nicht motiviert.“ – das klingt wie eine Diagnose, ist aber meist der Verzicht auf eine. Die Motivationsforschung beschreibt Motivation nicht als Eigenschaft einer Person, sondern als Ergebnis einer Konstellation aus Aufgabe, Spielraum, Können und Beziehung – und sie hat ziemlich präzise vermessen, welche Stellschrauben wie viel bewegen.

Das Wichtigste auf einen Blick
Der Satz fällt in Personalgesprächen ungefähr so oft wie „Da müssen wir mal drüber reden“:
„Herr M. ist einfach nicht mehr motiviert.“
Beachten Sie die Grammatik. Nicht: Herr M. arbeitet unter Bedingungen, die ihn nicht motivieren. Sondern: Herr M. ist nicht motiviert. Motivation erscheint hier als Eigenschaft, die eine Person besitzt oder eben nicht – wie Körpergröße oder Humor.
Genau so wird dann auch gehandelt: Ein Coaching wird beauftragt. Für Herrn M.
Es gibt einen guten Grund, an dieser Stelle innezuhalten. Denn die Motivationsforschung der letzten fünf Jahrzehnte beschreibt Motivation nicht als Eigenschaft von Personen, sondern als Ergebnis einer Konstellation. Und sie hat ziemlich präzise vermessen, welche Stellschrauben wie viel bewegen.
Die Ergebnisse sind unbequem – für Unternehmen, die Coachings beauftragen, und für Anbieter, die sie verkaufen.
Beginnen wir mit dem Modell, das in praktisch jedem Führungsseminar an der Wand hängt: Maslows Bedürfnispyramide. Fünf Stufen, von physiologischen Grundbedürfnissen bis zur Selbstverwirklichung, jede erst erreichbar, wenn die darunter erfüllt ist.
Ein wunderbar eingängiges Bild. Nur wurde es nie bestätigt.
1976 erschien in Organizational Behavior and Human Performance die bis heute maßgebliche Prüfung. Mahmoud Wahba und Lawrence Bridwell werteten zehn faktorenanalytische Studien, drei Rangordnungsstudien sowie zahlreiche Quer- und Längsschnittuntersuchungen aus.
Das Ergebnis: nur teilweise Unterstützung für das Konzept einer Bedürfnishierarchie überhaupt. Die Längsschnittstudien, die Maslows zentrale Annahme testeten – dass die Befriedigung einer Stufe die nächsthöhere aktiviert –, ergaben keinerlei Unterstützung. Und keine einzige der Rangordnungsstudien brachte die vorhergesagte Reihenfolge hervor.
Die Autoren formulierten damals schon die eigentliche Beobachtung: dass die Theorie trotz fehlender empirischer Belege unkritisch übernommen wurde.
Fast fünfzig Jahre später hängt sie immer noch an der Wand. Sie ist eine brauchbare Aufzählung menschlicher Bedürfnisse. Als Handlungsanleitung – erst Gehalt, dann Sicherheit, dann Team, dann Anerkennung, dann Sinn – hat sie nie funktioniert.
Bemerkenswert daran: Die Forschungsrichtung, die heute den Standard setzt, grenzt sich ausdrücklich davon ab. Ihre Vertreter betonen, dass ihre Bedürfniskonzepte nach völlig anderen Kriterien definiert sind als die von Maslow, Herzberg oder McClelland.
Diese Forschungsrichtung heißt Selbstbestimmungstheorie. Sie nennt drei psychologische Grundbedürfnisse:
Eine Metaanalyse von 99 Studien mit 119 unabhängigen Stichproben prüfte, ob diese drei tatsächlich je eigenständig etwas erklären – oder ob es sich bloß um drei Namen für dasselbe handelt. Sie tun es: Jedes der drei Bedürfnisse sagte eigenständige Varianz in intrinsischer Motivation und Wohlbefinden vorher.
Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer, und er wird in der Praxis systematisch überlesen.
Diese drei Größen sind keine Eigenschaften von Personen. Sie beschreiben eine Beziehung zwischen Person und Situation.
Niemand „hat“ Autonomie. Man erlebt sie – oder eben nicht – in einer bestimmten Rolle, unter bestimmten Vorgesetzten, in einem bestimmten Prozess. Dieselbe Person kann in der einen Abteilung aufblühen und in der nächsten verlöschen, ohne dass sich ihr Charakter geändert hätte.
Wer Motivation als Eigenschaft behandelt, macht also nicht nur eine ungenaue Aussage. Er macht einen Kategorienfehler: Er verwandelt eine Variable in eine Konstante. Und wer eine Konstante diagnostiziert, sucht die Lösung zwangsläufig in der Person.
Wenn Motivation aus der Konstellation entsteht – wie viel macht dann die Gestaltung der Arbeit aus?
Das ist gut vermessen. Eine Metaanalyse von 2007 im Journal of Applied Psychology fasste 259 Studien mit 219.625 Beschäftigten zusammen und untersuchte, wie 14 Merkmale der Arbeitsgestaltung mit 19 verschiedenen Einstellungen und Verhaltensweisen zusammenhängen.
Über alle Ergebnisgrößen hinweg erklärten diese Arbeitsmerkmale im Schnitt 43 Prozent der Varianz.
Im Detail: Allein die motivationalen Merkmale der Tätigkeit – Autonomie, Aufgabenvielfalt, Bedeutsamkeit, Rückmeldung aus der Arbeit selbst – erklärten 34 Prozent der Varianz in der Arbeitszufriedenheit, 25 Prozent in der subjektiven Leistung und 24 Prozent im organisationalen Commitment.
Und jetzt kommt die Zahl, die ich für die wichtigste des ganzen Themas halte. Die sozialen Merkmale der Arbeit – Unterstützung durch Vorgesetzte und Kolleginnen, Rückmeldung durch andere, Interdependenz – erklärten zusätzlich, also über die Tätigkeitsmerkmale hinaus, weitere 40 Prozent der Varianz im Commitment, 24 Prozent in der Kündigungsabsicht und 17 Prozent in der Arbeitszufriedenheit.
Der wichtigste Motivationsfaktor am Arbeitsplatz ist nicht die Aufgabe. Es sind die anderen Menschen.
Man kann diese Prozentzahlen nicht direkt gegen „Persönlichkeit“ aufrechnen – das ist eine andere Art von Studie. Aber die Größenordnung ist eindeutig: Ein sehr erheblicher Teil dessen, was wir Motivation nennen, sitzt in der Rolle und im Umfeld, nicht im Menschen.
Nun könnte man einwenden: Interessant, aber zählt intrinsische Motivation überhaupt für die Leistung?
Auch dazu gibt es eine ungewöhnlich große Auswertung. Eine Metaanalyse in Psychological Bulletin wertete 183 unabhängige Stichproben mit 212.468 Personen über vier Jahrzehnte aus.
Der Zusammenhang zwischen intrinsischer Motivation und Leistung: ρ = 0,26 insgesamt, im Arbeitskontext ρ = 0,34. Ein mittlerer bis deutlicher Effekt.
Interessanter wird es, wenn man aufschlüsselt, welche Art von Leistung gemeint ist. Die Autoren rechneten intrinsische Motivation und externe Anreize gleichzeitig gegen die Leistung:
Lesen Sie die untere Zeile noch einmal. Für die Qualität von Arbeit haben externe Anreize praktisch keine Vorhersagekraft. 0,06 ist ungefähr nichts.
Das hat eine sehr handfeste Konsequenz. Wenn Sie mehr Stück wollen, funktionieren Anreize gut. Wenn Sie bessere Arbeit wollen – durchdachtere Konzepte, sorgfältigere Beratung, kreativere Lösungen –, können Sie das nicht kaufen. Für diese Art von Ergebnis gibt es im Wesentlichen einen Weg, und der führt über Bedingungen, unter denen Menschen die Arbeit selbst als lohnend erleben.
Die Autoren führen zwei Beispiele an, die das illustrieren: Lehrkräfte, deren Bezahlung an den Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler hängt, schneiden nicht besser ab. Und Ärztinnen und Ärzte, die nach Behandlungsergebnissen vergütet werden, haben keine gesünderen Patienten.
Seit Jahrzehnten läuft eine Debatte darüber, ob Boni die intrinsische Motivation zerstören. Neun Metaanalysen haben sich daran abgearbeitet, mit widersprüchlichen Ergebnissen.
Die eben genannte Auswertung liefert die bislang klarste Auflösung – und sie ist differenzierter, als beide Lager es gern hätten.
Ob überhaupt ein Anreiz vorhanden ist, spielt kaum eine Rolle (r = 0,06). Der pauschale Satz „Boni zerstören Motivation“ ist so nicht haltbar.
Wie der Anreiz an die Leistung gekoppelt ist, spielt eine enorme Rolle (r = 0,78). Anreize, die unmittelbar und sichtbar an eine bestimmte Leistung geknüpft sind, gehen mit niedrigerer intrinsischer Motivation einher. Anreize, die nur indirekt mit der Leistung zusammenhängen – ein solides Grundgehalt etwa –, gehen mit höherer einher.
Nicht das Geld ist das Problem. Die Kopplung ist es. Ein Anreiz, der unmissverständlich sagt „tu X, dann bekommst du Y“, übernimmt die Steuerung – und verdrängt genau das Erleben von Selbstbestimmung, das für Qualitätsarbeit gebraucht wird.
Und noch ein Befund, der die Sache endgültig aus der Schwarz-Weiß-Debatte holt: In Studien mit Anreizen sagte intrinsische Motivation die Leistung sogar besser vorher (ρ = 0,36) als in Studien ohne (ρ = 0,27). Anreize und innere Motivation sind keine Gegner. Sie sind zwei Regler, die man getrennt bedienen muss.
Ein Zusatzbefund derselben Auswertung verdient Erwähnung, weil er einer der zählebigsten Behauptungen im Personalwesen widerspricht.
Über die Studien hinweg hing das durchschnittliche Alter einer Stichprobe mit r = 0,42 mit dem durchschnittlichen Niveau intrinsischer Motivation zusammen – und mit r = 0,44 mit der Leistung. Ältere Stichproben waren also im Mittel intrinsisch motivierter, nicht weniger.
Vorsicht bei der Interpretation: Das ist ein Zusammenhang zwischen Studien, nicht innerhalb von Personen, und Alter fällt hier mit Kontext zusammen – Erwachsene arbeiten, Jüngere sitzen in Schule und Studium. Man kann daraus nicht ableiten, dass Menschen mit den Jahren motivierter werden.
Was man ableiten kann: Die Daten stützen die Erzählung vom Motivationsverfall der jüngeren Generation nicht. Wer sie trotzdem erzählt, tut das ohne empirische Grundlage.
An dieser Stelle wäre der bequeme Schluss: Coaching bringt also nichts, kümmert euch um die Verhältnisse.
Das wäre falsch, und die Daten sagen etwas anderes.
Coaching wirkt. Eine Metaanalyse von 2014 fand über verschiedene Ergebnisgrößen hinweg Effekte von g = 0,43 (Bewältigung von Belastung) bis g = 0,74 (zielgerichtete Selbststeuerung), aggregiert g = 0,66; für Leistung und Fertigkeiten g = 0,60. Eine methodisch strengere Nachfolgeanalyse von 2016, die nur betriebliche Kontexte einschloss, bestätigte moderate positive Effekte.
Zwei Nebenbefunde sind praktisch nützlich: Die Anzahl der Sitzungen moderierte die Wirkung in beiden Analysen nicht. Auch kurze Coachings wirken. Und die Effekte zeigen sich nicht nur in Selbsteinschätzungen, sondern auch in Fremdbeurteilungen.
Das Problem ist also nicht die Wirksamkeit von Coaching. Das Problem ist die Indikationsstellung.
Coaching setzt an zwei der drei Grundbedingungen an: Es kann Kompetenzerleben stärken und es kann das Erleben von Autonomie erweitern – indem es Handlungsspielräume sichtbar macht, die vorher übersehen wurden. Was es strukturell nicht kann: einen Zuschnitt der Rolle ändern, eine Führungsbeziehung reparieren, an der zwei Menschen beteiligt sind, oder ein Anreizsystem umbauen, das Qualitätsarbeit systematisch bestraft.
Wenn die Ursache dort liegt und das Coaching hier ansetzt, passiert das, was ohnehin viele beobachten: Es geht der Person eine Weile besser, dann ist sie wieder da, wo sie war. Nicht weil das Coaching schlecht war. Sondern weil es das Falsche behandelt hat.
Aus der Studienlage lässt sich eine ziemlich schlichte Prüfreihenfolge ableiten.
1. Schauen Sie auf die Verteilung, bevor Sie auf die Person schauen. Ein Einzelfall in einem Team von acht ist ein Einzelfall. Drei Fälle in einem Team von acht sind kein dreifaches Charakterproblem – das ist ein Muster, und Muster haben gemeinsame Ursachen. Diese Unterscheidung kostet nichts außer einer Viertelstunde Nachdenken und entscheidet darüber, ob das Budget am richtigen Ort landet.
2. Prüfen Sie die drei Bedingungen einzeln. Erlebt diese Person in dieser Rolle Autonomie – also echte Entscheidungsspielräume, nicht nur Verantwortung? Erlebt sie Kompetenz – also Aufgaben, die fordern, ohne zu überfordern? Erlebt sie Zugehörigkeit – also Rückhalt im Team und bei der Führungskraft? Drei Fragen, die man tatsächlich beantworten kann. Wenn eine davon klar mit Nein beantwortet wird, ist das Ihre Baustelle.
3. Ordnen Sie das Instrument dem Ziel zu. Geht es um Menge und Tempo, sind Anreize ein wirksames Mittel. Geht es um Qualität, Urteilsvermögen und Sorgfalt, sind sie nahezu wirkungslos – dann führt der Weg über Bedingungen.
4. Achten Sie auf Ihre eigene Grammatik. „Ein demotivierter Mitarbeiter“ verschließt die Frage. „Unter welchen Bedingungen arbeitet diese Person gerade?“ öffnet sie. Das ist keine Wortklauberei: Die erste Formulierung führt fast zwangsläufig zu einer Maßnahme an der Person, die zweite lässt beide Möglichkeiten offen.
Wer die ersten drei Schritte geht und danach beim Coaching landet, hat eine begründete Entscheidung getroffen – und bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Wirkung, die die Metaanalysen versprechen.
Motivation ist keine Eigenschaft, die jemand mitbringt oder verliert. Sie entsteht in einer Konstellation aus Aufgabe, Spielraum, Können und Beziehung – und diese Konstellation ist vermessen: 14 Arbeitsmerkmale erklären im Schnitt 43 Prozent dessen, was Beschäftigte an ihrer Arbeit erleben und tun.
Deshalb ist „Der ist nicht motiviert“ fast nie eine Diagnose. Es ist der Verzicht auf eine.
Coaching ist ein gutes Instrument. Es ist nur eben ein Instrument für Fragen, die tatsächlich in der Person liegen. Für alles andere ist es ein sehr sorgfältig ausgeführter Eingriff am falschen Ort.
Die ehrlichste Frage vor jeder Beauftragung lautet deshalb nicht „Wen coachen wir?“, sondern: Woher wissen wir, dass das Problem dort sitzt, wo wir gerade hinschauen?
1. Wahba, M. A. & Bridwell, L. G. (1976). Maslow reconsidered: A review of research on the need hierarchy theory. Organizational Behavior and Human Performance, 15(2), 212–240. https://doi.org/10.1016/0030-5073(76)90038-6
2. Humphrey, S. E., Nahrgang, J. D. & Morgeson, F. P. (2007). Integrating motivational, social, and contextual work design features: A meta-analytic summary and theoretical extension of the work design literature. Journal of Applied Psychology, 92(5), 1332–1356. https://doi.org/10.1037/0021-9010.92.5.1332
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13. Springer, M. G. et al. (2011). Teacher pay for performance: Experimental evidence from the Project on Incentives in Teaching. National Center on Performance Incentives, Vanderbilt University. (zitiert nach Cerasoli et al., 2014)
14. Petersen, L. A., Woodard, L. D., Urech, T., Daw, C. & Sookanan, S. (2006). Does pay-for-performance improve the quality of health care? Annals of Internal Medicine, 145(4), 265–272. (zitiert nach Cerasoli et al., 2014)
Alle Quellen zuletzt geprüft am 10.08.2026.
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