Die 14-Uhr-Entscheidung
Die berühmteste Studie zur Entscheidungsmüdigkeit hält der Prüfung nicht stand. Was bleibt, ist für Führung relevanter als der Mythos.
WeiterlesenZwei Wochen nach dem Seminar erinnert sich niemand mehr an das Modell mit den vier Quadranten – daraus ist die Überzeugung geworden, Leadership Trainings brächten nichts. Die Forschungslage sagt ziemlich klar das Gegenteil und benennt sehr genau, warum manche Programme trotzdem verpuffen.

Das Wichtigste auf einen Blick
Freitagnachmittag, 16 Uhr. Zwölf Führungskräfte, drei Tage Seminar, das Flipchart voller guter Vorsätze. Die Stimmung ist ausgezeichnet. Auf dem Feedbackbogen kreuzen elf von zwölf „sehr gut“ an, einer „gut“, weil das Mittagessen zu wenig vegetarisch war.
Montag, 8:30 Uhr. Der Kalender ist voll, drei Eskalationen über Nacht, das Flipchart steht in einem Karton im Keller.
Zwei Wochen später erinnert sich niemand mehr an das Modell mit den vier Quadranten.
Diese Geschichte kennt jeder, der schon einmal ein Führungskräfteprogramm eingekauft hat. Und aus ihr ist eine Überzeugung geworden, die man in Personalabteilungen ungefähr so oft hört wie „Wir sind hier eine große Familie“: Leadership Trainings bringen nichts.
Nur stimmt das nicht. Die Forschungslage sagt ziemlich klar das Gegenteil. Was sie außerdem sagt: warum manche Programme trotzdem verpuffen – und zwar so präzise, dass man daraus eine Einkaufsliste machen kann.
Wer über Trainingswirkung spricht, landet früher oder später bei dieser Behauptung: Nur zehn Prozent des Gelernten kommen im Arbeitsalltag an.
Die Zahl steht in Beratungsdecks, in Whitepapern, in Konferenzvorträgen. Wer sie zurückverfolgt, landet fast immer bei einem Aufsatz aus dem Jahr 1982. Dort formuliert der Autor sinngemäß, er würde schätzen, dass etwa zehn Prozent der Seminarinhalte sich in Verhaltensänderung am Arbeitsplatz niederschlagen.
Er schätzt. Es folgt keine Studie, keine Erhebung, keine Datengrundlage. Der Verfasser war zu dieser Zeit auch kein Lernforscher, sondern Produktmanager bei einem Bürotechnikkonzern. Aus einer beiläufigen Schätzung in einem Fachmagazin ist über vier Jahrzehnte ein empirischer Befund geworden – durch nichts als Wiederholung.
Wenn Sie den vorherigen Beitrag dieser Reihe gelesen haben, kommt Ihnen das Muster bekannt vor. Es ist exakt dasselbe wie bei den „35.000 Entscheidungen pro Tag“.
Was sagen echte Erhebungen? Eine Befragung von Weiterbildungsverantwortlichen aus 150 Organisationen kam auf deutlich andere Werte: 62 Prozent der Mitarbeitenden wenden Trainingsinhalte unmittelbar danach an, nach sechs Monaten sind es 44 Prozent, nach einem Jahr noch 34 Prozent.
Das ist keine Erfolgsmeldung. Ein Drittel nach einem Jahr ist ausbaufähig. Aber es ist eine völlig andere Ausgangslage als „zehn Prozent“. Der Unterschied zwischen 10 und 34 ist der Unterschied zwischen „hoffnungsloser Fall“ und „reparierbares Problem“.
2017 erschien im Journal of Applied Psychology die bislang umfassendste Metaanalyse zum Thema. Ein Team um Christina Lacerenza und Eduardo Salas hat 335 unabhängige Wirksamkeitsstudien mit insgesamt 26.573 Teilnehmenden ausgewertet, publiziert zwischen 1951 und 2014, ausschließlich mit Beschäftigten – keine Studierendenstichproben.
Das Ergebnis, entlang der vier klassischen Evaluationsebenen:
Zum Einordnen: In der Psychologie gilt ab 0,50 ein mittlerer, ab 0,80 ein großer Effekt. Der Transferwert liegt also im Bereich „groß“ – und ist damit ausgerechnet auf der Ebene am höchsten, die angeblich das Problem ist.
Die Autorinnen und Autoren übersetzen das in praktische Größenordnungen: rund 25 Prozent mehr Lernzuwachs, etwa 28 Prozent mehr gezeigte Führungsverhaltensweisen im Job, ungefähr 20 Prozent bessere Arbeitsleistung, rund 25 Prozent bessere organisationale Ergebnisse.
Und noch ein Detail, das die Skepsis weiter entkräftet: Frühere Metaanalysen kamen auf niedrigere Werte – die große Auswertung von 1986 etwa auf 0,49 für Transfer. Die Wirksamkeit ist also nicht über die Jahre weggebrochen. Sie wurde vorher unterschätzt.
Eine Einschränkung, die man fairerweise mitlesen muss: Die Autorinnen weisen selbst darauf hin, dass Organisationen mit funktionierenden Programmen eher bereit sein dürften, Daten für Studien freizugeben, als solche mit gescheiterten. Publikationsbias-Tests fielen zwar unauffällig aus, aber das Grundproblem lässt sich damit nicht vollständig ausräumen. Der wahre Wert liegt vermutlich etwas niedriger als 0,82. Er liegt aber sehr sicher nicht bei „bringt nichts“.
Wenn Trainings so gut wirken – warum ist die gefühlte Bilanz in so vielen Unternehmen negativ?
Ein guter Teil der Antwort steckt in einer Metaanalyse von 1997, die 115 Korrelationen aus 34 Studien zusammengefasst hat. Sie untersuchte, wie die vier Evaluationsebenen zusammenhängen. Der zentrale Befund:
Die durchschnittliche Korrelation zwischen Teilnehmerreaktionen und tatsächlichem Lernerfolg beträgt 0,08.
Null Komma null acht. Das ist statistisch nicht von Zufall zu unterscheiden.
Der Feedbackbogen am Freitagnachmittag misst also im Wesentlichen: den Freitagnachmittag. Ob jemand etwas gelernt hat, steht in keinem erkennbaren Zusammenhang damit, wie gut ihm das Seminar gefallen hat.
Das hat zwei Konsequenzen, und beide sind unangenehm:
Erstens ist die Begeisterung am Freitag kein Erfolgssignal. Zweitens – und das wird gern übersehen – ist die Ernüchterung am Montag auch kein Misserfolgssignal. Beide Wahrnehmungen stammen von derselben unzuverlässigen Messstelle. Wer seine Weiterbildungsstrategie an Bauchgefühl und Zufriedenheitsbögen ausrichtet, steuert nach einem Instrument, das nachweislich nichts anzeigt.
Immerhin: Eine Unterscheidung lohnt sich. Fragt man nicht nach Sympathie („Hat es Ihnen gefallen?“), sondern nach Nützlichkeit („Werden Sie das anwenden können?“), steigen die Zusammenhänge mit Lernen und Transfer messbar an. Es ist nicht der Fragebogen an sich, der wertlos ist. Es sind die Fragen darin.
Hier wird die Metaanalyse von 2017 richtig nützlich. Sie hat nämlich nicht nur gefragt, ob Trainings wirken, sondern 15 Gestaltungsmerkmale daraufhin untersucht, welche den Unterschied machen. Sechs Befunde sind für die Praxis besonders relevant.
Programme, denen eine systematische Bedarfsanalyse vorausging, erreichten beim Transfer eine Effektstärke von 3,51. Programme ohne: 0,42.
Bevor jemand diese Zahl auf eine Folie packt: 3,51 ist eine absurd große Effektstärke, sie beruht auf 34 Studien, und ich würde sie mit derselben Skepsis behandeln, mit der man jede Effektstärke jenseits von 2,0 behandeln sollte. Die Richtung des Befunds ist robust und deckt sich mit Jahrzehnten Trainingsforschung. Die Größenordnung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit überschätzt.
Trotzdem bleibt: Kein anderes untersuchtes Merkmal kommt in die Nähe. Und ausgerechnet dieser Schritt wird routinemäßig weggelassen – weil er Zeit kostet und weil viele annehmen, man wisse ohnehin schon, was gebraucht wird. In einer zitierten Erhebung unter 23 US-Bundesbehörden führten nur 16 überhaupt eine Bedarfsanalyse für die Entwicklung ihrer Führungskräfte durch.
Ein Programm ohne Bedarfsanalyse ist ein Anzug von der Stange, der als Maßanzug verkauft wird.
Die Studie unterscheidet drei Vermittlungsarten: Information (Vortrag, Text), Demonstration (Fallbeispiel, Modell, Video) und Übung (Rollenspiel, Simulation, angeleitete Praxis).
Beim Transfer:
Der Sprung ist nicht additiv, er ist kategorial. Die Autorinnen formulieren es so: Durch das Hinzufügen von ein bis zwei weiteren Methoden lässt sich der Transfer um mehr als eine Standardabweichung steigern.
Praktisch heißt das: Ein Seminar, das erklärt und zeigt und üben lässt, ist etwas grundlegend anderes als eines, das nur eines davon tut. Der Klassiker – Vortrag plus Rollenspiel, aber ohne echte Modellierung des Zielverhaltens – gehört zur schwachen Gruppe.
Programme mit Feedback: 1,40. Ohne: 0,50. Das ist einer der wenigen Befunde, der über mehrere Metaanalysen hinweg stabil ist.
Bemerkenswert: Auf den Ebenen Reaktion, Lernen und Ergebnis machte Feedback keinen signifikanten Unterschied. Es wirkt genau dort, wo es weh tut – bei der Verhaltensänderung.
Über mehrere Termine verteilte Programme erzielten signifikant besseren Transfer und bessere organisationale Ergebnisse als geblockte Formate.
Beim Lernen jedoch gab es keinen Unterschied.
Dieses Detail ist wichtiger, als es aussieht. Menschen lernen im Drei-Tage-Block genauso gut wie in zehn Halbtagen. Sie ändern ihr Verhalten nur nicht. Das Blockformat ist also nicht didaktisch schlechter – es lässt bloß keinen Raum für den Teil, auf den es ankommt: ausprobieren, scheitern, nachjustieren.
Eine Zusatzauswertung ergab übrigens: Wöchentlicher Abstand zwischen den Terminen wirkte auf die Ergebnisebene deutlich stärker als täglicher. Ein „Blockseminar an drei aufeinanderfolgenden Tagen“ ist nach dieser Logik fast schon wieder ein Block.
Transfer bei Präsenzformaten: 1,10. Bei rein virtuellen Formaten: 0,22.
Und wieder: Beim Lernen war der Unterschied nicht signifikant. Online lernt man genauso viel. Man setzt es nur seltener um.
Bevor daraus ein pauschales Urteil gegen digitale Formate wird – die Autorinnen weisen selbst auf eine plausible Alternativerklärung hin: Virtuelle Programme enthalten schlicht seltener Demonstration und Übung. Der Effekt könnte also gar nicht am Medium liegen, sondern an dem, was im Medium üblicherweise stattfindet. Ein virtuelles Format mit echter Übung und echtem Feedback ist in dieser Datenlage schlicht nicht ausreichend untersucht.
Was dagegen recht klar ist: Selbstadministrierte Programme – also Lernmaterial ohne begleitende Person – schneiden durchgängig am schwächsten ab.
Rund 90 Prozent der großen Organisationen setzen 360-Grad-Feedback ein.
Die Metaanalyse fand keinen Vorteil gegenüber Feedback aus einer einzigen Quelle. Numerisch lagen die 360-Grad-Werte sogar niedriger: 0,25 statt 0,52 beim Transfer, 0,57 statt 0,66 beim Lernen.
Fairerweise: Diese Unterschiede waren nicht statistisch signifikant, und sie beruhen auf wenigen Primärstudien. Man kann daraus nicht ableiten, dass 360-Grad-Feedback schadet.
Man kann aber ableiten, dass die Beweislast sich umgekehrt hat. Ein Verfahren, das in neun von zehn Großunternehmen läuft, aufwendig ist und emotional belastend sein kann, sollte einen nachweisbaren Zusatznutzen gegenüber der einfacheren Variante zeigen. Bislang tut es das nicht. Die Autorinnen nennen als mögliche Erklärung, dass negatives Feedback aus mehreren Richtungen gleichzeitig das Selbstbild so stark bedroht, dass es Veränderung eher blockiert als anstößt.
Ein Ergebnis der Metaanalyse ist so kontraintuitiv, dass es einen eigenen Abschnitt verdient.
Die Wirksamkeit wurde nach Hierarchieebene aufgeschlüsselt. Beim Transfer:
Der Transfereffekt ist bei Führungskräften der oberen Ebene rund viermal schwächer als bei denen der unteren.
Die naheliegende Erklärung wäre: Senior Leader lernen weniger, weil sie schon viel können, oder weil sie weniger motiviert sind.
Beides ist falsch. Auf der Lernebene gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Hierarchieebenen. Auch bei den organisationalen Ergebnissen nicht.
Obere Führungskräfte lernen also genauso viel wie alle anderen. Sie setzen es nur nicht um.
Das ist kein Deckeneffekt und kein Motivationsdefizit, sondern ein reines Transferproblem – vermutlich, weil über Jahre verfestigte Verhaltensmuster sich im Alltag schlicht schwerer aufbrechen lassen. Die praktische Konsequenz ist unbequem: Programme für Senior Leader brauchen nicht mehr Inhalt, sondern mehr Transfermechanik. Mehr Begleitung nach dem Seminar, mehr Anlässe zur Anwendung, mehr Feedback. Genau das ist aber meist der Teil, den man bei teuren Zielgruppen aus Zeitgründen streicht.
Sollte Teilnahme freiwillig sein oder verpflichtend?
Ein Widerspruch? Die Autorinnen bieten eine schlichte Erklärung an, die sie mit eigenen Daten stützen: Freiwillige Programme erreichen weniger Menschen. Im untersuchten Datensatz lag die durchschnittliche Teilnehmerzahl bei Pflichtprogrammen mit Ergebnismessung bei 263, bei freiwilligen bei 41.
Wer freiwillig teilnimmt, setzt mehr um. Aber es setzen weniger Leute etwas um. Für die Organisationskennzahl gewinnt am Ende die Menge.
Es gibt hier keine richtige Antwort, sondern eine bewusste Entscheidung: Tiefe bei wenigen oder Breite bei vielen. Wer beides verspricht, hat die Studie nicht gelesen.
Fügt man die Befunde zusammen, entsteht ein überraschend klares Bild – und es zeigt in eine andere Richtung als die übliche Debatte.
Der Montag ist nicht das Problem. Über fast alle Gestaltungsmerkmale hinweg zeigt sich dasselbe Muster: Auf der Lernebene machen die Unterschiede wenig aus. Menschen lernen zuverlässig, im Block wie verteilt, online wie in Präsenz. Fast jeder relevante Hebel wirkt auf den Transfer. Das Problem entsteht nicht am Montag, sondern in den Designentscheidungen drei Monate davor.
Die drei wirksamsten Hebel kosten kein zusätzliches Seminarbudget. Eine Bedarfsanalyse vorher. Drei Methoden statt einer. Strukturiertes Feedback. Keine davon macht das Programm länger – sie machen es anders.
Hören Sie auf, den Freitag zu messen. Bei einer Korrelation von 0,08 zwischen Zufriedenheit und Lernerfolg ist der Feedbackbogen kein Steuerungsinstrument. Wer wissen will, ob ein Programm gewirkt hat, muss nach drei bis sechs Monaten fragen – und zwar nicht nur die Teilnehmenden selbst, sondern auch deren Umfeld. Die Trainingsforschung ist sich einig, dass Selbsteinschätzungen zum Transfer systematisch zu hoch ausfallen.
Und die ehrlichste Konsequenz: Wenn die Bedarfsanalyse der größte Hebel ist, dann ist die entscheidende Frage nicht „Welches Training kaufen wir ein?“, sondern „Wissen wir eigentlich belastbar, welche Kompetenzen hier fehlen?“. Ein Programm kann nur so zielgenau sein wie die Diagnose, die ihm vorausging. Ohne diese Diagnose ist auch das beste Seminar nur eine sehr gut gemachte Zufallsauswahl.
Leadership Trainings verpuffen nicht. Sie funktionieren – messbar, über 335 Studien und mehr als 26.000 Beschäftigte hinweg, mit einem Transfereffekt im Bereich „groß“.
Was verpufft, sind Programme, die ohne Bedarfsanalyse eingekauft, in drei Tage gepresst, mit einer einzigen Methode durchgezogen und am Freitagnachmittag mit einem Zufriedenheitsbogen für erfolgreich erklärt werden.
Das ist die gute Nachricht an dieser Studienlage: Der Unterschied zwischen wirksam und wirkungslos ist kein Mysterium. Er ist eine Liste von sechs Punkten, und keiner davon ist teuer.
Der Karton im Keller mit dem Flipchart ist nicht der Beweis, dass Weiterbildung nicht funktioniert. Er ist der Beweis, dass niemand geplant hat, was nach dem Freitag passieren soll.
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Alle Quellen zuletzt geprüft am 10.08.2026.
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